Wir werden nicht schweigen!
Unser Start ins Jahr 2025 lässt sich mit nur einem Wort beschreiben: Schock. Im März wurde Greenpeace USA zu einer Strafe von 666 Millionen Dollar verurteilt. In diesem Fall ging es jedoch nie um Recht. Es geht um Rache. Und darum, wie Konzerne ihre Macht missbrauchen, um kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen.
North Dakota, 2016. Hoch im Norden der USA, beinahe an der Grenze zu Kanada, beginnt gerade der Bau einer 1.886 Kilometer langen Pipeline. Sie wurde vom Ölkonzern Energy Transfer in Auftrag gegeben und soll täglich knapp 120 Millionen Liter Rohöl transportieren. Für das Unternehmen ein lukratives Geschäft, für die indigene Gemeinschaft der Standing Rock Sioux ein Albtraum. Sie befürchten, dass die „Schwarze Schlange“, die knapp an ihrem Gebiet vorbeiführt, ihre Wasserversorgung und damit ihre Lebensgrundlage gefährden könnte. Gemeinsam mit zehntausenden Menschen protestieren sie friedlich, um das Ölprojekt zu stoppen. Auch Greenpeace USA zeigt sich in einem offenen Brief solidarisch mit dem Protest. Genau das kann Kelcy Warren, der CEO von Energy Transfer, niemals verzeihen. Er schwört Rache und reicht Klage ein. Das erklärte Ziel war schon damals nicht der Schadensersatz, sondern die Zerstörung von Greenpeace in den USA. Der Ölbaron wollte damit ein unmissverständliches Zeichen senden: „Wer sich mit uns anlegt, wird vernichtet!“
Klagen gegen die Meinungsfreiheit
Klagen wie jene von Kelcy Warren werden auch als SLAPP bezeichnet („Strategic Lawsuits Against Public Participation“, zu Deutsch: „Strategische Klagen gegen öffentliche Beteiligung“). Der Name erinnert nicht umsonst an das englische Wort für eine Ohrfeige. Sie sind eine beliebte Waffe großer Unternehmen, um Menschen und Organisationen zu unterdrücken, die sich für eine gerechte, grüne und friedliche Zukunft einsetzen – und damit in direkten Konflikt mit Konzerninteressen geraten. Bei SLAPP-Klagen geht es nicht darum, Recht zu haben, sondern darum, Recht zu missbrauchen, um Geld, Zeit und Ressourcen zu binden. Es ist letztlich ein Kampf um Macht. Ein Kampf, den milliardenschwere Erdölkonzerne gegen kleinere Organisationen leider viel zu oft gewinnen.
Als im März 2025 schließlich das 666-Millionen-SLAPP-Urteil verkündet wurde, dachte Kelcy Warren vermutlich, er habe es wieder einmal geschafft. Denn eine rein spendenfinanzierte Organisation kann einen solch absurden Betrag niemals stemmen. Das musste das Ende sein. Und nach der Zerschlagung von Greenpeace USA würde sich niemand mehr seinem Ölimperium in den Weg stellen. Doch genau das Gegenteil geschah.
Weltweiter Widerstand
Mit zwei Dingen hatte der Erdölboss wohl nicht gerechnet. Das eine ist die Resilienz von Greenpeace. Unser Netzwerk besteht aus eigenständigen, unabhängigen Organisationen. Spendengelder in anderen Ländern, wie Österreich, sind somit nicht gefährdet. Während sich Greenpeace USA mit allen juristischen Mitteln gegen den Angriff von Energy Transfer wehrte – und dabei Verfahrensfehler entdeckte, mehrere Prüfungen veranlasste und die Halbierung der Schadensersatzforderung erreichte –, konnten wir unseren Einsatz in anderen Ländern stärken. In den Niederlanden reichte Greenpeace International sogar eine Gegenklage nach dem neuen Anti-SLAPP-Gesetz der EU ein. Wie die beiden Verfahren ausgehen werden, ist noch unklar. Doch eines ist schon jetzt ganz sicher: Greenpeace wird sich nicht kampflos geschlagen geben.
Zweitens hat Warren sicherlich nicht mit der Welle der Entrüstung gerechnet, die sich nach der Verkündung des Urteils ungebrochen über den gesamten Globus ausbreitete. Medien, gemeinnützige Organisationen und Politiker:innen kritisierten den Gerichtsprozess. Tausende Solidaritätsbekundungen aus aller Welt erreichten unser Büro in den USA und die gesamte Umweltschutzbewegung stand geschlossen hinter uns.
Den Menschen war klar, dass es hier nicht nur um einen Kampf von Greenpeace USA gegen Energy Transfer geht. Es geht um einen Kampf für eine Zukunft, in der es weiterhin möglich ist, für seine Überzeugungen einzustehen. In der Gerichtsprozesse nicht dadurch entschieden werden, wer mehr Geld hat, sondern dadurch, wer recht hat. Und in der indigene Rechte respektiert werden, statt sie zu instrumentalisieren, um kritische Stimmen zu unterdrücken. Weil genau diese Zukunft auf dem Spiel steht, können sich Kelcy Warren und alle, die so denken wie er, auf eines verlassen: Wir werden nicht schweigen! Nicht, solange es Meere, Wälder, Tiere und Pflanzen gibt, die wir beschützen müssen. Und nicht, solange uns Millionen Menschen weltweit auf diesem Weg begleiten.
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