40 Jahre nach dem Anschlag auf die „Rainbow Warrior“
Am 10. Juli 1985 erschütterte eine Explosion den Hafen von Auckland: Zwei Bomben, von französischen Geheimagenten gelegt, versenkten die „Rainbow Warrior“ – das Greenpeace- Flaggschiff des friedlichen Protests. Unser Fotograf Fernando Pereira, ein Familienvater, der die Ungerechtigkeiten der Atomtests im Pazifik dokumentierte, verlor dabei sein Leben. Doch was als Schlag gegen Greenpeace gedacht war, wurde zum Wendepunkt der Umweltbewegung.
Die „Rainbow Warrior“ war gerade von einer Mission zurückgekehrt, bei der sie die von radioaktiver Strahlung vergiftete Insel Rongelap evakuiert hatte. Die Crew feierte noch den Geburtstag eines Besatzungsmitglieds, als die Bomben detonierten. Fernando Pereira ertrank in den Fluten – doch die französischen Behörden scheiterten mit ihrem Plan, die Bewegung zu zerstören. Die Welt reagierte mit Empörung. Der Druck auf Frankreich wuchs so stark, dass es seine Atomtests im Pazifik 1996 einstellte – ein Sieg, der ohne den Widerstand der „Rainbow Warrior“ und die globale Solidarität nicht möglich gewesen wäre.
Vierzig Jahre später ist die Welt eine andere – doch die Kräfte, die damals die „Rainbow Warrior“ versenken wollten, gibt es noch immer: fossile Konzerne, die mit Klagen kritische Stimmen zum Schweigen bringen wollen, Regime, die internationale Gesetze ignorieren, und eine Klimakrise, die sich verschärft, während Schutzmechanismen abgebaut werden.
Symbol des Widerstands
Die „Rainbow Warrior“ existiert weiter – als Symbol des Widerstands. Heute kämpfen wir mit neuen Schiffen, neuen Aktionen – aber derselben Entschlossenheit. Die „Rainbow Warrior III“, die „Witness“ und die „Arctic Sunrise“ führen die Tradition fort. Sie sind Stimmen für die Ozeane, wenn Konzerne und Regierungen schweigen, gegen Tiefseebergbau, für Meeresschutzgebiete und gegen die Zerstörung unseres Planeten. Der Geist der ersten „Rainbow Warrior“ und Fernando Pereiras Ideale leben weiter.
Gleichzeitig nehmen Angriffe auf zivilgesellschaftliche Organisationen zu – doch wir lassen uns nicht einschüchtern. „You can’t sink a Rainbow“ – dieses Motto gilt heute mehr denn je. Der Anschlag von 1985 zeigte: Gewalt kann Aktivist:innen einschüchtern, uns töten – aber nicht aufhalten. Im Gegenteil: Er machte uns stärker, sichtbarer, unüberhörbarer. Und das ist die Lehre, die wir mitnehmen: Egal, wie mächtig die Gegner sind – am Ende siegt der Mut.
Unermüdlicher Einsatz auf allen Weltmeeren
Das Jahr 2025 markierte für die Schiffe von Greenpeace ein Jahr der Herausforderungen und bedeutenden Erfolge. Unsere Flotte – die „Rainbow Warrior III“, die „Arctic Sunrise“ und die „Witness“ – fungierte weltweit als das wichtigste Instrument unseres gewaltfreien Widerstands und als schwimmende Plattform für die Wissenschaft.
Ein Schwerpunkt lag in der Arktis. Dank der Präsenz vor Ort und der daraus resultierenden weltweiten Berichterstattung gelang es uns, ein wichtiges Moratorium gegen den drohenden Tiefseebergbau in norwegischen Gewässern zu verteidigen. Die Schiffe boten zudem indigenen Gemeinschaften weltweit eine Bühne, um ihre Forderungen nach Klima-gerechtigkeit lautstark zu artikulieren.
Im Pazifik und im Atlantik konzentrierte sich unsere Arbeit auf Expeditionen und Aktionen zum Schutz der maritimen Artenvielfalt. Neben Kampagnenarbeit für die finale Phase des UN-Ozeanschutzvertrags, einem Stopp auf der Weltklimakonferenz in Belém und regelmäßigen Einsätzen rund um den Tiefseebergbau leistete die Crew auch aktive Beobachtungsarbeit industrieller Fischereiflotten. Dabei konnte unsere Crew im letzten Moment in Fischereigerät verhedderte Meerestiere wie Haie und Schwertfische befreien und vor dem Tod bewahren.
Außerdem protestierten wir mehrfach gegen russische Schattenflotten und LNG-Terminals. Zudem kehrten wir auf die Marshall-Inseln zurück und dokumentierten die bis heute andauernden Folgen der Atomtests des 20. Jahrhunderts, wo ganze Generationen von radioaktiver Verseuchung und Zwangsumsiedlungen betroffen sind.
Neues Greenpeace-Schiff
Besondere Aufmerksamkeit gilt aber auch der Modernisierung unserer Flotte. Die Planungen für ein neues, emissionsfreies Flaggschiff machten 2025 erste Fortschritte. Mit modernsten Segelsystemen und Brennstoffzellen-Technologie soll dieses Schiff in Zukunft zeigen, dass auch die Hochseeschifffahrt ohne fossile Brennstoffe möglich ist. 40 Jahre nach dem Anschlag auf die erste „Rainbow Warrior“ bleibt unser Geist ungebrochen: Wir sind dort, wo die Zerstörung stattfindet, um Zeugnis abzulegen und Wandel zu erzwingen.
Unser Einsatz für die Tiefsee
Während die industrielle Gier nach Rohstoffen den Blick in die Tiefsee richtete, bildeten die „Arctic Sunrise“ und die „Rainbow Warrior III“ das entscheidende Bollwerk gegen diesen drohenden ökologischen Kahlschlag. Unser Ziel war und ist unmissverständlich: den kommerziellen Start einer neuen, zerstörerischen Industrie zu verhindern, bevor der erste Quadratmeter Meeresboden unwiederbringlich vernichtet wird.
Im Zentrum unserer Arbeit stand die Clarion-Clipperton-Zone (CCZ) im Pazifik. Unsere Teams an Bord der „Arctic Sunrise“ dokumentierten die unberührte Artenvielfalt in Regionen, die vom Tiefseebergbau bedroht werden. Trotz juristischer Einschüchterungsversuche und aggressiver Manöver seitens der Industrievertreter ließen sich unsere Crews nicht beirren. Wir störten Testläufe riesiger Kollektormaschinen und zeigten der Weltöffentlichkeit, was in 4.000 Meter Tiefe auf dem Spiel steht: uralte Ökosysteme, die als gigantische Kohlenstoffspeicher für unser Klima lebenswichtig sind.
USA wollen Tiefsee ausbeuten
Die Herausforderungen verschärften sich 2025 durch eine geopolitische Kehrtwende. Die neue US-Administration unter Donald Trump setzte auf eine rücksichtslose Ausbeutung mariner Ressourcen und unterstützte das kanadische Unternehmen TMC dabei, internationale Schutzbemühungen zu unterlaufen. Diese Allianz aus politischem Nationalismus und Konzernprofiten versuchte, den transnationalen Schutz der Ozeane durch bilaterale Abkommen zu schwächen und den Tiefseebergbau als „alternativlos“ für die Energiewende darzustellen. Unsere Schiffe dienten in dieser Zeit als diplomatische Plattformen: Wir luden Vertreter von Pazifikstaaten an Bord ein, um gemeinsam eine starke Allianz für ein globales Moratorium zu schmieden und den Widerstand der Küstengemeinden zu stärken.
Der Widerstand mündete 2025 in historischen Etappensiegen. In Norwegen gelang im Dezember ein Durchbruch: Die Regierung lenkte ein und schloss Lizenzen für Tiefseebergbau in der Arktis bis Ende 2029 aus. Ein ebenso starkes Signal kam im November von den Cook-Inseln: Unter dem Druck lokaler Proteste und unserer Präsenz vor Ort wurde der kommerzielle Abbau vertagt. Neue Prüffristen verzögern den Start dort de facto bis mindestens 2032. Unsere Flotte bleibt das wachsame Auge auf hoher See – wir sind dort, wo die Maschinen das Schweigen der Tiefe brechen wollen.
Mir liegen unsere Meere besonders am Herzen. Sie sind für mich ein Rückzugsort und ich finde die Meereswelt sehr faszinierend. Es ist schade, dass wir so sorglos damit umgehen.
Dr. Veronika Himmelbauer
Großspenderin
Frachter auf Kollisionskurs
Der globale Schiffsverkehr nimmt rasant zu – mit dramatischen Folgen für Wale. Wo monströse Frachtschiffe die Routen der Meerestiere kreuzen, kommt es immer häufiger zu tödlichen Zusammenstößen. Viele Wale werden im Schlaf von den Schiffen überrascht oder schaffen es nicht, rechtzeitig auszuweichen – sie werden von den gigantischen Stahlkolossen in voller Fahrt gerammt. Selbst wenn die Wale im letzten Moment abtauchen, ist es oft nicht tief genug, um der Wucht des Bugs zu entkommen. Wenn der Aufprall sie nicht sofort tötet, sterben die Tiere qualvoll an ihren schweren Verletzungen. Nicht selten werden sie zuvor kilometerweit mitgeschleift.
Für bedrohte Arten wie den Blauwal oder den Nordatlantischen Glattwal ist der Schiffsverkehr mittlerweile sogar die größte Lebensgefahr. Zusätzlich bedrängen Plastikmüll, industrielle Fischerei und massiver Unterwasserlärm der Schallkanonen gieriger Ölsucher die sensiblen Tiere. Die Wale sind am Limit – doch es gibt Hoffnung.
Endlich: Das UN-Hochseeschutzabkommen
Nach Jahrzehnten des Wartens ist es 2025 endlich so weit: Das UN-Hochseeschutzabkommen hat die notwendige Zahl an Ratifikationen erreicht. Damit existiert erstmals ein rechtlicher Rahmen, um Schutzgebiete auf hoher See – jenseits nationaler Grenzen – einzurichten.
Dies ist die Grundvoraussetzung, um bis 2030 mindestens 30 % der Weltmeere effektiv vor Ausbeutung und Zerstörung zu bewahren.
Die Meere sind unser Erbe und unsere Lebensgrundlage. 2025 haben wir gezeigt: Mit Mut und Entschlossenheit können wir sie vor Tiefseebergbau, Überfischung und Ausbeutung schützen. Der Kampf geht weiter – für eine Zukunft, in der Ozeane gedeihen, nicht zerstört werden.
Stefan Kerschbaumer
Meeresexperte bei Greenpeace
Schutzzonen für Wale
Mit Kampagnen und Aktionen forderte Greenpeace 2025 die rasche Ratifizierung des UN-Hochseeschutzabkommens. Wir kämpfen mit Hochdruck dafür, dass nun konkrete Schutzzonen entlang der Routen der Wale entstehen. Die Meeresriesen brauchen sichere Zufluchtsorte, in denen sie ungestört fressen und ihre Kälber großziehen können.
Eine Studie belegt, dass schon der Schutz von 2,6 Prozent der Meeresfläche ausreichen würde, um die gefährlichsten Kollisions-Hotspots weltweit zu entschärfen. Der globale Vertrag zum Schutz der Meere rückt die Rettung der Wale in greifbare Nähe. Greenpeace bleibt jetzt dran: Die wunderbaren Meeressäuger müssen so schnell wie möglich ihr sicheres Zuhause zurückbekommen.
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